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Archiv - Neues

19.11.2012 Kategorie: Neues

Hermann Scheu präsentiert Hochsteiner Geschichte in Bildern


Als Überlebende eines Schiffsunglücks feierten

Nachbarn in der Nordpfalz: Hermann Scheu stöbert seit 25 Jahren mit älteren Hochsteinern in Schubladen und Pappkartons nach historischen Dokumenten


Gut 25 Jahre lang hat Hermann Scheu in zahllosen Gesprächen mit älteren Dorfbewohnern der Geschichte Hochsteins – inzwischen Ortsteil von Winnweiler – nachgespürt. Er hat in etwa 70 Familien gemeinsam mit den Besitzern in Schubladen und Pappkartons, Zigarrenkistchen und Blechdosen nach alten Fotos, Postkarten und Ansichten gestöbert. Bei Behörden und in Ämtern wurde er auf der Suche nach altem Kartenmaterial und Plänen fündig, im Archiv des Gesangvereins fanden sich ebenfalls wertvolle Bilddokumente. Dabei herausgekommen ist eine außergewöhnliche, kreisweit wohl einzigartige Dokumentation eines Dorfes und seiner Menschen.Neben der umfangreichen Sammlung an Bildmaterial ist es vor allem das gespeicherte Wissen über Plätze und Orte, die Erinnerung an Menschen, Ereignisse und Begebenheiten über einen Zeitraum von weit mehr als einhundert Jahren. Heute, so weiß Hermann Scheu, selbst kein gebürtiger „Hoschder“, aber 30 Jahre lang im Ort wohnhaft gewesen, wären schon viele Informationen gar nicht mehr abrufbar, und mit dem Tod früherer Gesprächspartner unwiederbringlich verloren. Hauptmotivation des „Hobby-Geschichtsforschers“ war und ist es, unersetzliche Fotodokumentationen und Momentaufnahmen vor einem unwürdigen Ende im Müllcontainer zu bewahren, und die Menschen zu motivieren, die Geschichte ihres Dorfes lebendig zu erhalten. An die 1500 alte Aufnahmen hat er im Lauf der Jahre reproduziert und archiviert, rund 400 davon kürzlich erstmals komplett in einer Ausstellung im Hochsteiner Sängerheim der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.Das große Interesse, das die Schau nicht nur bei der örtlichen Bevölkerung gefunden hat, aktiviert ihn, im kommenden Jahr eine zweite Ausstellung den Themen „Gienanth“ und „Dorfschule“ zu widmen. An den beiden Öffnungstagen waren nicht selten Ausrufe zu hören wie: „Ach, do uff dem Foto, des is moi Mudder“, oder „Guck mol, moi Opa als junger Borsch“, oder auch: „Des Klää do vorne, des bin ich!“


Auch die Geschichte der Havarie eines Kreuzfahrtschiffes aus der Zeit des „Dritten Reiches“ wurde wieder lebendig. Der Dampfer mit dem Namen „Dresden“, 1934 für die Aktion „Kraft durch Freude“ unterwegs, war vor der Küste Norwegens auf ein Riff gelaufen und gesunken. Zwei Passagiere verloren ihr Leben. Eine Handvoll junge Hochsteiner, die ebenfalls an Bord waren, überlebten die Katastrophe unbeschadet. Grund genug zwei Jahre später zur Erinnerung an die glückliche Rettung ein feucht-fröhliches „Wasserfest“ zu feiern, an dem die ganze Dorfgemeinschaft teilnahm, und das natürlich im Bild verewigt wurde. Dazu gibt es übrigens, wie zu nahezu allen Aufnahmen, eine (fast) lückenlose Namensliste aller abgelichteten Personen.


Neben historischen Ereignissen wie der Errichtung des Kriegerehrenmals, die angefangen vom Brechen der verbauten Steine in der Nähe des Langheckerhofes, über deren Transmittels Pferdefuhrwerken und den Bau selbst, bis zur feierlichen Einweihung im Jahr 1929 lückenlos fotografisch dokumentiert ist, oder den Abriss des Hochsteiner Eisenbahntunnels 1976 im Bereich der heutigen Umgehungsstraße, fanden sich auch erstaunlich viele ganz persönliche Aufnahmen, die Einblicke in den Dorfalltag gewähren. Da sind auf einem Foto von 1955 Frauen an einem der früher acht Dorfbrunnen mit den charakteristischen gusseisernen Schwengelpumpen zu sehen, die sich die mühselige Arbeit des Wasserholens mit einem Schwätzchen versüßten. Kleine Kupferschmelzer, Badenixen und Wasserratten tummeln sich in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts fröhlich in einem „Natur-Planschbecken“, das ihre Väter in der Alsenz angelegt hatten, andere hatten die verantwortungsvolle Aufgabe, im Wiesental eine Herde Geißen zu hüten.


Höhepunkt im dörflichen Leben war die Kerwe am letzten Sonntag im September, die zünftig reihum in einem der Tanzsäle der drei Dorfwirtschaften gefeiert wurde, was selbstverständlich fotografisch in Erinnerung gehalten wurde. Selbstbewusst posieren die „Girls“ des von der Ehefrau des damaligen Dorfschullehrers Drumm 1925 ins Leben gerufenen Vereins „Frohsinn-Hand in Hand“ in ihren feschen Dirndln und den nostalgischen Häubchen auf dem Kopf (die ihnen übrigens den Spitznamen „Schloofhaube-Verein“ eingetragen hatten), vor der Kamera. Die Aktiven des 1888 gegründeten Turnvereins präsentieren sich stolz mit ihnen, bei einem Gauturnfest errungenen Lorbeerkränzen. Von beiden Vereinen blieb leider nur die Erinnerung. Ganz im Gegensatz zu den 1883 gegründeten Gesangverein, von dem ebenfalls zahlreiche Bilddokumente bestehen, und der es verstanden hat, seine Attraktivität bis heute zu erhalten.


Damit und mit historischen und aktuellen Aufnahmen des Hochsteiner Kreuzes, dem Wahrzeichen des Dorfes, schließt sich auch der Kreis über fast 200 Jahre „sichtbar“ gemachte Geschichte, eine Zeitreise vom ersten erhaltenen Lageplan aus dem Jahr 1824 bis heute.


Wie viel Zeit der 72-jährige Scheu in seine außergewöhnliche Passion investiert hat, kann (und will) er gar nicht nachrechnen. Gern aber spricht er über die Intensität seines „Blicks zurück“, wenn er etwa im kleinen Sohn seines Nachbarn, der vor seinem Fenster auf der Straße herumtollte, mühelos und treffsicher dessen Urgroßvater wieder erkannte, wie er als Erstklässler auf einem Schulbild von 1906 abgebildet war. (rm)

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ

Publikation: Donnersberger Rundschau
Ausgabe: Nr.269
Datum: Montag, den 19. November 2012
Seite: Nr.23