Unsere Ortsteile
Winnweiler
Winnweiler
Alsenborn-Langmeil
Alsenbrück-Langmeil
Hochstein
Hochstein
Potzbach
Potzbach

Archiv - Neues

29.06.2011 Kategorie: Neues

Die Pfälzer Terror-Profiteure


Die Pfälzer Terror-Profiteure

Kameratechnik: Die Angst vor Terroranschlägen und Einbrüchen beschert Mobotix gute Geschäfte. Die mittelständische Firma stellt unweit des Pfälzerwalds in Winnweiler Überwachungskameras her – und beliefert damit Botschaften, Banken, Bahnhöfe, Flughäfen, Gefängnisse, Könige und selbst den Vatikan.

VDI nachrichten, Winnweiler, 24. 6. 11, rb

Wenn der bärtige Firmengründer Ralf Hinkel Politiker, Journalisten oder ausländische Delegationen durchs Gelände in Winnweiler führt, gibt er stets eine Liebeserklärung an den Standort Deutschland ab. „Bei uns wird alles in Deutschland produziert, wir brauchen keine Billigstandorte im Ausland", sagt er voller Stolz. Und gibt mit einem Augenzwinkern zu: „Ich bin halt ein treuer Pfälzer."

So gut wie jeder im 5000-Seelen-Ort Winnweiler kennt den umtriebigen Tüftler Hinkel und seine Firma Mobotix. „Er hat viel für Winnweiler getan", lobt Bürgermeister Rudolf Jacob (CDU). Dank Mobotix steigt die Zahl der Einwohner – ganz gegen den Trend. Jacob: „Landflucht gibt es bei uns nicht."

Als Hinkel der Standort in Kaiserslautern zu klein wurde, hat der Bürgermeister schnell gehandelt und Hinkel großzügig neue Flächen angeboten.

Nur noch ein paar Wochen, dann wird die gesamte Produktion von Mobotix am Rande des Pfälzerwalds gebündelt sein. Der bisherige Hauptstandort Kaiserslautern wird komplett nach Winnweiler verlagert, wo bisher schon die Konzernzentrale steht. „Das ist der Aufbruch in eine neue Ära", glaubt Hinkel.

Das 1999 von ihm als Spin-off der Universität gegründete Unternehmen stellt Hightechkameras her – für die Sicherheit und den Schutz vor Terroranschlägen. Das Geschäft läuft gut, die Mobotix-Kameras sind heiß begehrt. „Vor Kurzem haben wir einen Großauftrag für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in der Ukraine bekommen", erzählt der Vorstandschef. Rund 500 Überwachungskameras setzt Mobotix in der Donbass-Arena in Kiew ein, in der das Finale stattfindet. „In keinem anderen Stadion wird Jogi Löw mit seinen Jungs sicherer sein", lacht Hinkel.

Tote Winkel oder überlappende Bildbereiche gibt es bei den Kameras nicht. Dank ihrer 180°-Panorama-Ansicht „entgeht ihnen nichts und niemand", tönt Hinkel. „Bei uns gibt es keinen Blindbereich." Es klingt wie im Werbeprospekt.

Als Referenz verweist der überzeugte Pfälzer auf das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern. Auf dem Betzenberg ist eines der modernsten Videoüberwachungssysteme der Welt mit 77 Kameras installiert, das sich zur Fußball-WM 2006 in Deutschland bewährte.

Weltweit sind mehrere Hunderttausend Geräte im Einsatz – nicht nur in Fußballstadien. Israel, die USA und andere Staaten sichern ihre Botschaften oder andere gefährdete Gebäude mit den Kameras ab. Auf dem Uni-Campus von Singapur stehen 1800 Geräte, damit die Studenten unbehelligt forschen können. Flughäfen und die Deutsche Bahn setzen die Überwachungskameras ein, um für Sicherheit im Terminal und auf den Bahnsteigen zu sorgen.

Selbst in den Bibliotheken des Vatikans sind die Kameras der Pfälzer zu finden. Hinkel: „Damit haben wir den nötigen göttlichen Beistand."

Billigkonkurrenz aus Asien? „Nee", sagt Hinkel und verzieht das Gesicht, „wir sind billiger." Zwar seien auf den ersten Blick die Geräte eher teurer als die der Konkurrenz, schaut man sich aber das Gesamtsystem an, sei der Preis letztlich günstiger. Denn ein PC und eine Extra-Software wie bei anderen Kameras werden nicht benötigt.

„Wir bieten Hard- und Software in einem", sagt Hinkel, der mit seiner Idee eines dezentralen Konzepts die Videosicherheitstechnik revolutioniert hat. In jeder Kamera ist ein Hochleistungsrechner und bei Bedarf ein digitaler Langzeit-Flashspeicher integriert. Die Datenverarbeitungsprozesse laufen kamera-
intern ab. Die Videomanagement-Software ist kostenfrei bereits an Bord. Software- und Lizenzkosten entfallen also.

Hinzu kommt, dass weniger Kameras als bei zentralen Systemen gebraucht werden, wo ein Extra-PC die hochauflösenden Bilder verarbeiten muss. „Wir sind kein Kamerahersteller, sondern Systemlieferant", erklärt Technikvorstand Oliver Gabel und zeigt auf die gesamte Palette der Mobotix-Produkte im Showroom. Dort stehen nicht nur aufgehängte Kameras, sondern riesige Computerdisplays, die die Kamerabilder gestochen scharf darstellen.

Für eine Technikpräsentation hat der Jung-Manager keine Zeit („Der nächste Termin ruft."). Die nötige Zeit hat Besucherführer Jens Wirok. Geduldig erklärt er Laien, was man alles mit den Kameras machen kann. „Dank unseres 180°-Panoramas können mehrere Bereiche angezeigt werden, es gibt keinen Verdopplungseffekt."

An den Tankstellen reiche eine Kamera für vier Zapfsäulen, in Banken für zwei Kassen. Anfangs sei man vielleicht noch ein bisschen wegen der neuartigen Technik belächelt worden, doch letztlich haben sich Innovation und Vision durchgesetzt.

Wirok holt eine M12 von der Wand. „Das war eine der ersten Kameras aus unserem Hause", erklärt er und gibt zu: „Die sah noch ganz schön klobig aus." Die neuen Modelle – wie die meist verkaufte Hemispheric-Kamera Q24 – fallen dagegen optisch kaum noch auf.

Die Kapazitätsgrenzen sind inzwischen längst erreicht. „Wir produzieren 10 000 Kameras pro Monat", erklärt Firmengründer Hinkel. Auch deshalb verlagert Mobotix nun die gesamte Produktion von Kaiserslautern in den kleinen Ort am Rande des Pfälzerwalds. „Tagtägliche Transportfahrten zwischen der Produktion in Kaiserslautern und dem Logistiklager in Winnweiler entfallen dann", erklärt Technikvorstand Gabel.

Die gute Verkehrsinfrastruktur und die Nähe zur Uni Kaiserslautern waren die entscheidenden Kriterien für den Kamerahersteller, sich in Winnweiler anzusiedeln. „Der Standort ist sehr gut angebunden an die Autobahn", findet Technikvorstand Gabel. In einer halben Stunde sei man schon in Mannheim oder am Frankfurter Flughafen.

Mobotix braucht sich denn auch keine Sorgen zu machen, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Zumal sie in Winnweiler exzellente Arbeitsbedingungen finden. Besucherführer Wirok verweist auf das abwechslungsreiche kostenlose Essen in der Kantine, das Extra-Kindergeld für Familien und den Fitness-Raum, der nach getaner Arbeit die Möglichkeit zum Energie auftanken bietet. Außerdem kann man sich einmal wöchentlich massieren lassen. Dieser Service sei besonders gefragt, weiß Wirok.

Im letzten Jahr hat Mobotix 50 neue Mitarbeiter eingestellt. „2011 werden wir mindestens so viele neue Jobs schaffen", verspricht Sicherheitsvorstand (CSO) Magnus Ekerot. Gesucht seien bevorzugt Mitarbeiter für den Bereich Entwicklung. „Wir brauchen vor allem Software-Ingenieure, Informatiker und Entwickler."

Für zusätzlichen Personalbedarf sorgt ein neues Geschäftsfeld, das Mobotix erschließen will: Sicherheitstechnik-Systeme in Wohnhäusern. Mit der sogenannten Türstation sollen Häuslebesitzer künftig noch sicherer vor Einbrüchen sein. Zudem ermögliche die Türstation neue Wege in der Kommunikation. Wenn ein Expressdienst ein Paket bringt, aber niemanden im Haus antrifft, kann er künftig an der Tür eine Videobotschaft hinterlassen und sagen, wo das Paket abzuholen ist. Das spart viel Organisationsaufwand und unnötige Anrufe.

Das Interesse an der Innovation aus dem Hause Mobotix ist „gigantisch", schwärmt Firmengründer Hinkel. Der Sicherheitstechnik-Spezialist rechnet daher mit einem kräftigen Absatzschub. „In zwei Jahren könnten wir schon doppelt so viele Kameras verkaufen wie heute", prophezeit CSO Ekerot. Mit der Türstation will Mobotix mittelfristig einen Umsatz von 150 Mio. € erwirtschaften.

In der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2010/11 (1. 7. 10. bis 31. 12. 10) steigerte Mobotix den Umsatz um 45 % auf 34,6 Mio. € gegenüber dem Vorjahreszeitraum, der Gewinn verdoppelte sich fast auf 6,2 Mio. €. „Wir sind hochprofitabel", freut sich der Gründer.

Dass das Geschäft mit der Sicherheit einmal abebbe, glaubt Hinkel nicht. Die Terrorbekämpfung sorge doch dafür, dass immer mehr nach Sicherheit gerufen wird. Und die Angst vor Orwells Überwachungsstaat gebe es schon lange nicht mehr. NOTKER BLECHNER

Winnweiler im Donnersberg-Kreis in der Pfalz

–Winnweiler liegt gut 15 km von Kaiserslautern entfernt im Donnersberg-Kreis am Rande des Pfälzerwalds.

–Winnweiler besteht aus der gleichnamigen Gemeinde sowie den drei eingemeindeten Ortsteilen Alsenbrück-Langmeil, Hochstein und Potzbach. Rund 5000 Einwohner zählt Winnweiler. Das Phänomen der Landflucht gibt es hier nicht. Bürgermeister Rudolf Jacob (CDU) verweist auf Prognosen, wonach die Bevölkerung Winnweilers in den nächsten Jahren um 2 % wachsen wird – ganz gegen den Trend.

–Die Arbeitslosenquote in Winnweiler liegt derzeit bei 5,9 %. Die Gewerbesteuereinnahmen betrugen 2010 rund 1,45 Mio. €.

–Urkundlich wurde der Ort erstmals im Jahr 891 als „Winidowilari" erwähnt. In der Zeit Karls des Großen siedelte sich dort eine wendische (slawische) Bevölkerungsgruppe an. Seither stand Winnweiler unter unterschiedlichen Einflüssen. Im Mittelalter hatten die Falkensteiner, später die Habsburger und schließlich die Franzosen unter Napoleon das Sagen. Aus der österreichischen Herrschaft zu Zeiten Maria Theresias stammt die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit des Ortes, die Kreuzkapelle.

-In der Region ist Winnweiler heute für seine seit 130 Jahren ansässige Brauerei Bischoff bekannt.

– Größter Arbeitgeber der Gemeinde ist Mobotix mit rund 270 Mitarbeitern.

-Mobotix wurde 1999 von Ralf Hinkel in Kaiserslautern als Spin-off der Universität gegründet. Die Konzernzentrale wurde später nach Winnweiler verlegt. Machte das Unternehmen vor neun Jahren gerade mal 800 000 € an Umsatz, sind es im Geschäftsjahr 2009/10 (1. 7. 09 bis 30. 6. 10) fast 54 Mio. € gewesen. Das an der Frankfurter Börse notierte Unternehmen wächst rasant. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2010/2011 (1. 7. 10 bis 31. 3. 11) kletterte der Umsatz um 37 % nach oben auf 51,4 Mio. €, der Gewinn stieg um 81 % auf 8,7 Mio. €. nb

 

Quelle:

VDI-Nachrichten vom 24.06.2011

Seite 3